Das IT-Freelancer - Magazin veranstaltete auf der CeBIT am 11.3.2006
den "Fachkongress für Selbständige und Existenzgründer in der
Computerbranche". Der Untertitel "Networking für Projekte" versprach
den teilnehmenden Freiberuflern ein interessantes Vortragsprogramm.
Freiberufler in der Informationstechnik sehen sich einer Vielzahl
von Herausforderungen ausgesetzt. Der Betrieb muß organisiert und
die Finanzen müssen strukturiert werden. Versicherungsschutz muß sein,
das Finanzamt will sein Recht. Der Status der Freiberuflichkeit ist
ständig vom Gesetzgeber, den Gerichten und dem Finanzamt bedroht.
Der Freiberufler muß sich fachlich dauernd weiterbilden. Weil
Weiterbildung teuer ist, ist man am Besten ein genialer Autodidakt.
Und -ach ja- da sind dann noch die Kunden und die Notwendigkeit
immer neue Kunden zu gewinnen, also der Vertrieb.
Vertrieb ist für Freiberufler, die sich gerne als gute Fachleute sehen und
es auch sein müssen, ein schwieriges Gebiet. Mancher ist froh, wenn
er diesen Teil an Agenturen wie Gulp oder das Projektwerk
abgeben kann. Aber auch die Arbeit
mit einer oder mehreren Agenturen führt nur dann zum Erfolg, wenn der
Freiberufler ein aussagekräftiges und aktuelles Profil, eine informative
Webseite und ein kommunikatives Wesen hat.
Hier setzen die Planer [1]
des Kongresses an. Das Vortragsprogramm folgt der
Spannbreite des Freiberuflerdaseins. Der Tag ist gefüllt mit neun
halbstündigen Vorträgen.
Macht-Kompetenz
Die Leiterin des Instituts für Macht-Kompetenz, Frau Bauer-Jelinek
[2]
aus Wien,
macht deutlich, daß Win-Win-Situationen in der Realität selten sind. Wer
sich in Verhandlungen immer nur von dem Win-Win-Paradigma leiten ließe,
schöpfe kaum seine Möglichkeiten aus, um sein Verhandlungsziel zu erreichen.
Frau Bauer-Jelinek rät zur "Reaktivierung von Kriegertugenden" und
spricht von "Waffenkammer" und "Feindbeobachtung".
Recht
Recht kämpferisch gibt sich auch der Rechtsanwalt Dr. Grunewald.
[3]
Ausführlich berichtet er über den Stand der Rechtsprechung z.B. bei
der Rentenversicherungspflicht von GmbH-Geschäftsführern und der
Wirksamkeit von Wettbewerbsverboten. Sehr lehrreich ist auch der Bericht
über ein Gerichtsverfahren, in dem entschieden wurde, daß nicht nur
ein studierter Ingenieur als Freiberufler anerkannt wird, sondern auch
jemand, der sich Ingenieurswissen autodidaktisch angeeignet hat.
Steuern und Versicherungen
Für Freiberufler sind Themen wie Steuern und Versicherungen Kernthemen,
bei denen Rat und Orientierung immer willkommen sind. Umso bedauerlicher
ist es, daß es der Kongreßleitung nicht gelungen ist für diese beiden
Themen qualifizierte Referenten zu verpflichten. Bei beiden Themen kommen
die Referenten über Gemeinplätze und die zusammenhanglose Aufzählung
von Fakten nicht hinaus.
Sprache als Transportmittel von Information
Die Marketing-Beraterin Stubenvoll
[4]
läßt den Frust über die vorangegangenen
zwei Vorträge schnell vergessen. Ihr Thema ist die Sprache wie sie in Profilen,
Webseiten und Selbstdarstellungen aller Art bei IT-Freiberuflern genutzt
wird. Ausgewählte Beispiele zeigen die übliche Phrasendrescherei - das Publikum
erkennt sich durchaus wieder. Die Referentin wirbt für die Entwicklung von
Sprachkompetenz. Kommuniziert werde nicht, was der Schreiber sich beim Schreiben
denke, sondern das, was der Leser sich beim Lesen denkt. Der Verfasser eines
Profils müsse sich darüber im Klaren sein, daß die Personalrecruiter keine
Fachleute seien. In der Selbstdarstellung sollten die Freiberufler außerdem nicht nur
ihre fachlichen Kenntnisse deutlich machen, sondern auch ihre Fähigkeiten in
der Projektorganisation, Personalführung und ähnlichem. Erfolg braucht
Präzision in der Sprache.
IT-Leiter Krankenhaus
Ganz ähnlich sieht das Helmut Schlegel, IT-Leiter des Nürnberger Klinikums.
Er setze gerne Freiberufler ein, zur Abdeckung von Bedarfsspitzen genauso
wie für Spezialthemen und für den Wissenstransfer. Bei 55 festen Mitarbeitern
beschäftige er immer zusätzlich etwa zehn Freiberufler.
Bei der Auswahl der Freiberufler habe er oft das Problem, daß die Profile zu
lang und zu unpräzise seien. Sein Interesse sei es nicht, nachzulesen, was jemand
in den letzten 25 Jahren alles gemacht habe. Er wolle wissen, ob ein Bewerber auf
die Anforderung passe oder nicht. Deshalb solle eine Bewerbung "präzise auf die
Ausschreibung eingehen". Er habe den Eindruck, viele schickten auf jede Anforderung
einfach ein Standardprofil. Er verlange ein zielgruppenorientiertes Angebot.
Im Nürnberger Klinikum wird intensiv mit SAP gearbeitet. Die komplette Verwaltung
und die Organisation wird darüber abgebildet. Das macht aber nur etwa die Hälfte
der IT im Klinikum aus. Es gibt eine Vielzahl von medizinischen und technischen
Anwendungen, die völlig unabhängig von SAP laufen. Trotzdem müssen die Daten an
das SAP-System weitergleitet und dort weiterverarbeitet werden. Weil SAP
"alle zwei Jahre die Schnittstellentechnik" wechsle, sei der Datenaustausch
zwischen SAP- und Nicht-SAP-Systemen das größte Problem. Er, Schlegel, sei der
festen Überzeugung, daß dieses Problem nur über Webservices gelöst werden könne.
"Webservices sind die Zukunft!"
Neukundengewinnung
Das größe Defizit der Freiberufler ist der Vertrieb. Deshalb waren alle besonders
auf den Vortrag mit dem Thema "Neukundengewinnung" neugierig.
Harald Weber
[5]
von b2bMarketing machte sich an die Arbeit - und verlor. Er hat das
Defizit richtig erkannt und richtig beschrieben. Dann verwendete er 25 von 30 Minuten
Redezeit darauf, seinem Publikum zu erklären, wie man einen Webauftritt für
Suchmaschinen und besonders für Google optimiert.
Sicher ist ein guter und gut plazierter Webauftritt unerlässlich für die
Neukundengewinnung. Aber es ist halt nur eine Komponente unter vielen.
Bewertung: Thema verfehlt.
Central Production
Thomas Wehner von Acentrix GmbH
[6]
will auf einen Trend aufmerksam machen.
Central Production in der IT führe zu Standardisierung und Vereinfachung
der IT-Prozesse. Dezentrale IT-Strukturen werden zentralisiert und alle
verknüpften Prozesse optimiert.
Projekte für die Einführung und Pflege von zentralen IT-Stukturen stellen
erhöhte Anforderungen an die beteiligten ITler. Es sei schon lange so, daß
ITler nicht nur auf ihre Spezialgebiete achten müssten, sondern auch auf die
benachbarten. Dazu kämen immer mehr Anforderungen an soziale und kommunikative
Kompetenzen. Mit der Einführung von Central Production brauche ein ITler zusätzlich
betriebswirtschaftliche Kenntnisse. Jeder müsse sich mit
seinem Gebiet in einen Gesamtzusammenhang einordnen, ohne den sei er auch in seinem
Spezialgebiet hilflos.
Eine ganz besondere Herausforderung sei das für Freiberufler, die sich oft als
Einzelkämpfer sähen. Er, Wehner, wolle mit seinem Vortrag die Bildung von Kooperationsnetzwerken
von Freiberuflern anregen. Es müssten sich Teams bilden, die große zusammenhängende
Bereiche abdecken und sich gemeinsam vermarkten können.
Schluß
Der Kongreß war mit 180 zahlenden Teilnehmern gut besucht. Für die meisten anwesenden
Freiberufler dürfte sich der Besuch gelohnt haben. Die mangelnde Professionalität der
Veranstalter beim Rahmenprogramm wurde durch die hohe Qualität der meisten Vorträge
mehr als wettgemacht.