Peter Fäßler

IT-Freelancer - Kongress 2006

Eine Veranstaltung auf der CeBIT
12. März 2006

Das IT-Freelancer - Magazin veranstaltete auf der CeBIT am 11.3.2006 den "Fachkongress für Selbständige und Existenzgründer in der Computerbranche". Der Untertitel "Networking für Projekte" versprach den teilnehmenden Freiberuflern ein interessantes Vortragsprogramm.

Freiberufler in der Informationstechnik sehen sich einer Vielzahl von Herausforderungen ausgesetzt. Der Betrieb muß organisiert und die Finanzen müssen strukturiert werden. Versicherungsschutz muß sein, das Finanzamt will sein Recht. Der Status der Freiberuflichkeit ist ständig vom Gesetzgeber, den Gerichten und dem Finanzamt bedroht. Der Freiberufler muß sich fachlich dauernd weiterbilden. Weil Weiterbildung teuer ist, ist man am Besten ein genialer Autodidakt. Und -ach ja- da sind dann noch die Kunden und die Notwendigkeit immer neue Kunden zu gewinnen, also der Vertrieb.

Vertrieb ist für Freiberufler, die sich gerne als gute Fachleute sehen und es auch sein müssen, ein schwieriges Gebiet. Mancher ist froh, wenn er diesen Teil an Agenturen wie Gulp oder das Projektwerk abgeben kann. Aber auch die Arbeit mit einer oder mehreren Agenturen führt nur dann zum Erfolg, wenn der Freiberufler ein aussagekräftiges und aktuelles Profil, eine informative Webseite und ein kommunikatives Wesen hat.

Hier setzen die Planer [1] des Kongresses an. Das Vortragsprogramm folgt der Spannbreite des Freiberuflerdaseins. Der Tag ist gefüllt mit neun halbstündigen Vorträgen.

Macht-Kompetenz

Die Leiterin des Instituts für Macht-Kompetenz, Frau Bauer-Jelinek [2] aus Wien, macht deutlich, daß Win-Win-Situationen in der Realität selten sind. Wer sich in Verhandlungen immer nur von dem Win-Win-Paradigma leiten ließe, schöpfe kaum seine Möglichkeiten aus, um sein Verhandlungsziel zu erreichen. Frau Bauer-Jelinek rät zur "Reaktivierung von Kriegertugenden" und spricht von "Waffenkammer" und "Feindbeobachtung".

Recht

Recht kämpferisch gibt sich auch der Rechtsanwalt Dr. Grunewald. [3] Ausführlich berichtet er über den Stand der Rechtsprechung z.B. bei der Rentenversicherungspflicht von GmbH-Geschäftsführern und der Wirksamkeit von Wettbewerbsverboten. Sehr lehrreich ist auch der Bericht über ein Gerichtsverfahren, in dem entschieden wurde, daß nicht nur ein studierter Ingenieur als Freiberufler anerkannt wird, sondern auch jemand, der sich Ingenieurswissen autodidaktisch angeeignet hat.

Steuern und Versicherungen

Für Freiberufler sind Themen wie Steuern und Versicherungen Kernthemen, bei denen Rat und Orientierung immer willkommen sind. Umso bedauerlicher ist es, daß es der Kongreßleitung nicht gelungen ist für diese beiden Themen qualifizierte Referenten zu verpflichten. Bei beiden Themen kommen die Referenten über Gemeinplätze und die zusammenhanglose Aufzählung von Fakten nicht hinaus.

Sprache als Transportmittel von Information

Die Marketing-Beraterin Stubenvoll [4] läßt den Frust über die vorangegangenen zwei Vorträge schnell vergessen. Ihr Thema ist die Sprache wie sie in Profilen, Webseiten und Selbstdarstellungen aller Art bei IT-Freiberuflern genutzt wird. Ausgewählte Beispiele zeigen die übliche Phrasendrescherei - das Publikum erkennt sich durchaus wieder. Die Referentin wirbt für die Entwicklung von Sprachkompetenz. Kommuniziert werde nicht, was der Schreiber sich beim Schreiben denke, sondern das, was der Leser sich beim Lesen denkt. Der Verfasser eines Profils müsse sich darüber im Klaren sein, daß die Personalrecruiter keine Fachleute seien. In der Selbstdarstellung sollten die Freiberufler außerdem nicht nur ihre fachlichen Kenntnisse deutlich machen, sondern auch ihre Fähigkeiten in der Projektorganisation, Personalführung und ähnlichem. Erfolg braucht Präzision in der Sprache.

IT-Leiter Krankenhaus

Ganz ähnlich sieht das Helmut Schlegel, IT-Leiter des Nürnberger Klinikums. Er setze gerne Freiberufler ein, zur Abdeckung von Bedarfsspitzen genauso wie für Spezialthemen und für den Wissenstransfer. Bei 55 festen Mitarbeitern beschäftige er immer zusätzlich etwa zehn Freiberufler. Bei der Auswahl der Freiberufler habe er oft das Problem, daß die Profile zu lang und zu unpräzise seien. Sein Interesse sei es nicht, nachzulesen, was jemand in den letzten 25 Jahren alles gemacht habe. Er wolle wissen, ob ein Bewerber auf die Anforderung passe oder nicht. Deshalb solle eine Bewerbung "präzise auf die Ausschreibung eingehen". Er habe den Eindruck, viele schickten auf jede Anforderung einfach ein Standardprofil. Er verlange ein zielgruppenorientiertes Angebot.
Im Nürnberger Klinikum wird intensiv mit SAP gearbeitet. Die komplette Verwaltung und die Organisation wird darüber abgebildet. Das macht aber nur etwa die Hälfte der IT im Klinikum aus. Es gibt eine Vielzahl von medizinischen und technischen Anwendungen, die völlig unabhängig von SAP laufen. Trotzdem müssen die Daten an das SAP-System weitergleitet und dort weiterverarbeitet werden. Weil SAP "alle zwei Jahre die Schnittstellentechnik" wechsle, sei der Datenaustausch zwischen SAP- und Nicht-SAP-Systemen das größte Problem. Er, Schlegel, sei der festen Überzeugung, daß dieses Problem nur über Webservices gelöst werden könne. "Webservices sind die Zukunft!"

Neukundengewinnung

Das größe Defizit der Freiberufler ist der Vertrieb. Deshalb waren alle besonders auf den Vortrag mit dem Thema "Neukundengewinnung" neugierig. Harald Weber [5] von b2bMarketing machte sich an die Arbeit - und verlor. Er hat das Defizit richtig erkannt und richtig beschrieben. Dann verwendete er 25 von 30 Minuten Redezeit darauf, seinem Publikum zu erklären, wie man einen Webauftritt für Suchmaschinen und besonders für Google optimiert. Sicher ist ein guter und gut plazierter Webauftritt unerlässlich für die Neukundengewinnung. Aber es ist halt nur eine Komponente unter vielen.
Bewertung: Thema verfehlt.

Central Production

Thomas Wehner von Acentrix GmbH [6] will auf einen Trend aufmerksam machen. Central Production in der IT führe zu Standardisierung und Vereinfachung der IT-Prozesse. Dezentrale IT-Strukturen werden zentralisiert und alle verknüpften Prozesse optimiert.
Projekte für die Einführung und Pflege von zentralen IT-Stukturen stellen erhöhte Anforderungen an die beteiligten ITler. Es sei schon lange so, daß ITler nicht nur auf ihre Spezialgebiete achten müssten, sondern auch auf die benachbarten. Dazu kämen immer mehr Anforderungen an soziale und kommunikative Kompetenzen. Mit der Einführung von Central Production brauche ein ITler zusätzlich betriebswirtschaftliche Kenntnisse. Jeder müsse sich mit seinem Gebiet in einen Gesamtzusammenhang einordnen, ohne den sei er auch in seinem Spezialgebiet hilflos. Eine ganz besondere Herausforderung sei das für Freiberufler, die sich oft als Einzelkämpfer sähen. Er, Wehner, wolle mit seinem Vortrag die Bildung von Kooperationsnetzwerken von Freiberuflern anregen. Es müssten sich Teams bilden, die große zusammenhängende Bereiche abdecken und sich gemeinsam vermarkten können.

Schluß

Der Kongreß war mit 180 zahlenden Teilnehmern gut besucht. Für die meisten anwesenden Freiberufler dürfte sich der Besuch gelohnt haben. Die mangelnde Professionalität der Veranstalter beim Rahmenprogramm wurde durch die hohe Qualität der meisten Vorträge mehr als wettgemacht.

[1]  Veranstalter: Die Zeitschrift IT Freelancer
[2]  Macht-Kompetenz: Frau Bauer-Jelinek
[3]  Ihr Recht: Dr. Benno Grunewald
[4]  Phrasenalarm: Frau Ruth Stubenvoll
[5]  Neukundengewinnung: Herr Harald Weber
[6]  Central Production: Herr Thomas Wehner
[7]  Agenda 2020 - Als Freelancer das eigene Produkt gestalten.